Das Lied vom Scheitern

Vor ziemlich genau einem Jahr notierte ich, ich sei noch nie so froh gewesen, in Verden zu sein. Dass ich das an diesem zweiten Weihnachtstag noch einmal toppen würde, war so erstmal nicht abzusehen.

Dann aber ergab es sich, dass die diesjährige Festive insgesamt unter keinem besonders guten Stern stand; Gerrit laboriert weiter mit seinen Unterarmen, und Frank sagt wegen eines sich kurzfristig zugezogenen Knochenbruchs gleich mal ganz ab. Also statt eines Punkt-zu-Punkt-Abenteuers (grobe Richtung Ulan Bator) wieder auf die „große Hausrunde“ des letzten Jahres.

Der Tag X – tatsächlich war ich im Vorfeld ungewöhnlich nervös, so dass diese Bezeichnung schon gerechtfertigt ist – beginnt denn etwas früher, als es eigentlich wünschenswert wäre. Das Kind weihnachtscrosst im Appelbütteler Forst und natürlich begleiten wir es in den Wald, um es unseren tenniselterlichen Pflichten entsprechend anzuschreien. Anschließend beim Griechen schlage ich mir noch einmal den Bauch voll – wie sich herausstellen sollte, nicht meine beste Idee – und mit einer weiteren halben Stunde Verspätung treffe ich Gerrit um 18:00 traditionell an der Kirche.

Dann ist es erstmal fast genau wie letztes Jahr. Bis wir irgendwann „falsch“ abbiegen, kann man sich noch eine ganze Weile vormachen, auf einer harmlosen Heidschnuckenrunde unterwegs zu sein. Dass ich etwas stärker schwitze als mir eigentlich lieb ist, liegt nicht nur an dem „ruhigen“ Tempo – auf dem Rückweg vom Griechen hatte es geregnet, und wegen der spontan umgeplanten Klamottentaktik schmore ich in meiner Regenjacke im eigenen Saft.

Frühzeitig entscheide ich mich, mich bei passender Gelegenheit umzuziehen. Noch gehe ich davon aus, dass dies in Unterlürss der Fall sein wird, also etwa bei Kilometer 100. Wie letztes Jahr. Ich plane auch, dort meine Flaschen aufzufüllen. Wie letztes Jahr. Weil ich soviel schwitze, trinke ich auch viel, und bis Unterlürss habe ich anderthalb Trinkflaschen weg. Je ländlicher die Gegend wird, umso bewusster wird mir dann aber der Umstand, dass wir ja zwei Stunden später los sind als letztes Jahr – und frühzeitig beginne ich mich zu fragen, ob die Tanke wohl bei unserer ETA von etwa 22 Uhr noch offen haben wird. Und wenn ja – warum? Also: für wen, außer uns?

Lange Rede: natürlich war sie zu. Auch die Dönerbude wurde schon geputzt. Dennoch zwinge ich Gerrit zu einem kurzen Halt. Wenigstens die Mütze wechseln. Meine ist nass und die Verdunstungskälte an den Schläfen macht mir Kopfschmerzen.

Hier keine Pause machen zu können, drückt gewaltig auf die Moral. Es stimmt aber, es hilft ja nix: zum draußen Pause machen ist es zu kalt. Es gibt keine Option als weiter treten. Bergen wird der nächste Meilenstein. „Vielleicht hat da ja was auf“ sagt Gerrit. Natürlich weiß ich es besser. Ich erinnere gut, dass mir die 120 Kilometer von Unterlürss bis Verden letztes Jahr schon ein bißchen zu weit waren, und dass ich seinerzeit auch mit diesem Stop nach Optionen für weitere Pausen Ausschau gehalten habe. Vielleicht setze ich doch ein wenig Hoffnung auf Bergen, um den inneren Schweinehund auszutricksen, ich weiß es nicht. Natürlich hat dort alles zu, aber Verden ist etwas näher.

Tja, und mein Magen. Er macht mehr als deutlich, dass er den Grillteller gerne wieder loswerden würde. Irgendwann ist es so schlimm, dass ich um einen kurzen Stop bitten muss, um ihm diese Möglichkeit zu bieten – aber so wichtig ist es ihm dann doch wieder nicht. Stattdessen gibt mir Gerrit ein Renny aus, und danach ist es dann etwas besser.

Ich sag es noch nicht, aber zu diesem Zeitpunkt scheint mir am wahrscheinlichsten, dass dieses Abenteuer in Bremen endet. Ich beschliesse, Gerrit in Verden bei Macces in meine Pläne einzuweihen. Ein bisschen Hoffnung auf die zweite Luft habe ich schon noch, vor allem aber möchte ich Gerrit nicht demoralisieren. Das Horrorszenario zu diesem Zeitpunkt wäre ein geschlossener Mac Donalds in Verden. Nicht auszumalen, was dann passiert wäre. Die Freude, in Verden zu sein, ist also schon um einiges größer als im letzten Jahr – geht aber noch mit dem Bangen einher, ob wir tatsächlich im warmen würden sitzen können.


Wir konnten. Nach 220 Kilometern und gut acht Stunden auf dem Rad machen wir – mit ich glaube, einer guten halben Stunde – sogar relativ ausgiebig Pause. Mein Magen will noch nicht, aber ich weiss, dass ich wohl besser etwas esse. Lange weiss ich nicht so recht, was – und am Ende war der Muffin wohl eine ganz gute Wahl. Außerdem nutze ich den Stop, mich endlich umzuziehen. Das Baselayer ist zum Glück nur mehr leicht feucht: ich habe versehentlich eins von Arthies Unterhemden als Ersatz eingepackt. Und in XS passe ich zurzeit einfach nicht rein.

Gerrit kämpft offenbar seinen eigenen Kampf und nimmt das erste Mal das Z-Wort in den Mund. Ich kann ihn aber davon überzeugen, dass es keinen Sinn macht, vor Bremen auszusteigen. Und als wir wieder aufs Rad steigen, ist die Stimmung spürbar gestiegen. Ungefähr in Bremen fällt mir dann auch auf, dass mein Magen endlich seinen Kampf gegen die Grillplatte gewonnen hat. Es ist sogar wieder etwas Platz.

Bremen lassen wir dann auch links liegen. Der Ausstieg ist für uns beide anscheinend zu diesem Zeitpunkt keine Option. Aber es ist weit nach Bremerhaven; weitere 120 Kilometer. Im Kopf versuche ich mir schon die restliche Strecke bis zu Hause in appetitliche Happen aufzuteilen. Ich fantasiere davon, von einer weiteren Pause erfrischt relativ locker bis Cuxhaven zu kommen, um dann auf der Strecke zwischen Cuxhaven und zu Hause auf mindestens einer weiteren Pause zu bestehen.

Es dämmert, wir nähern uns endlich Bremerhaven … und Gerrit fragt, ob es ok wäre, wenn er in Bremerhaven in den Zug steigt. Natürlich ist es das. Ich finde grundsätzlich nix ehrenrühriges an einem Abbruch, und gesundheitliche Gründe hat er ja auch vorzubringen. Und dennoch dauert es eine Weile, sowie das Durchdenken diverser Optionen, bis wir uns dazu entschließen, in Bremerhaven abzubrechen.


Mit dem Abbruch mache ich auch ziemlich umgehend meinen Frieden und genieße sowohl Zugfahrt, als eigentlich auch den gesamten restlichen Tag in einem angenehmen Dämmerzustand – später auch mit ausgedehnten Schlafphasen. Bis ich mich final entscheiden kann, die Festive dieses Jahr Festive sein zu lassen, vergehen aber noch ein paar Stunden. Rechtzeitig finde ich auf Facebook das passende Zitat: „Ursprüngliche Bedeutung von „legnern“: sich rechtzeitig erinnern, dass Rad fahren Spaß machen soll“. Ob ich noch eine InOneGo fahre, lasse ich an dieser Stelle mal ausdrücklich offen. Die Festive nächstes Jahr in mundgerechte Häppchen aufzuteilen, und jeweils bei Tageslicht zu absolvieren, erscheint mir gerade nicht unsympathisch. Aber was wird mich schon morgen mein Geschwätz von heute scheren. 😉

Danke für’s Lesen.

2 Gedanken zu „Das Lied vom Scheitern“

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