Festive 500 2018: Wasted in Verden

Als Jugendlicher war ich ein paar Mal in Verden. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich jemals gefreut habe, dort zu sein – aber auf keinen Fall so sehr, wie in dieser Nacht. In Verden war ich eigentlich gebrochen – komplett im Arsch, sozusagen. Dieses Bild habe ich aber schon 2016 zur Zustandsbeschreibung bemüht. „Wasted“ hab ich nachgesehen: das Wort beschreibt unter anderem einen Zustand physischer oder psychischer Erschöpfung. Paßt beides. Schön, kann ich mich wieder bei Feine Sahne bedienen.

Aber der Reihe nach.

Der Start verlief unspektakulär, routiniert. Treffen 16 Uhr an der Kirche, kurz begrüßen, und abtauchen in die Dämmerung. Zunächst noch auf bekannten Wegen, versuche ich erfolglos, mir selbst einzureden, daß wir nur eine Dämmerungsschnucke fahren. Das funktioniert ohnehin nur so leidlich, und nachdem wir einmal „falsch“ abgebogen sind, gar nicht mehr. Im wesentlichen war ich ohnehin ein bißchen zu sehr damit beschäftigt, meine Chance, das durchzustehen, abzuchecken. Der Respekt vor der Unternehmung ist einfach immer noch groß.

Trotzdem vergehen die ersten Stunden wie im Flug. Kaum hundert Kilometer auf der Uhr als wir eine Tanke passieren, jemand – ich glaube Frank – eine Pause vorschlägt und erstaunlicherweise Gruppenkonsens besteht. In Unterlüß darf ich also das erste Mal absteigen, um zumindest auf die Schnelle im Stehen, einen Kaffee zu trinken.

Das liest sich jetzt vielleicht lässiger, als es gemeint ist. Ja, die ersten hundert Kilometer sind schnell vergangen. Aber nein, ich hätte mich über ein Päuschen gute 40 Kilometer früher nicht beklagt und ja, vermutlich mache ich nicht immer hinreichend deutlich, dass ich auch gerne mal eine Pause mache.

Ach so, ich glaub ich hatte Kopfschmerzen. Die Erinnerungen an die Leiden sind durch die verstrichene Zeit hinreichend verklärt; was gut ist, denn sonst würde dieser Bericht wirklich nur als Abschreckung taugen.

Was die Pausen betrifft: ich hatte vorher halbherzig geguckt, wo vielleicht eine Pause drin wäre, nicht wirklich was gefunden und mich dann leichtfertigerweise auf die Jungs verlassen, die diese Strecke ja schon ein- bzw zweimal gefahren waren. Und dabei völlig verdrängt, vor zwei Jahren schon einmal wegen einer unerwartet geschlossenen Tanke in einem Bushäuschen an meinem letzten Riegel geknabbert zu haben um im Rest der langen Winternacht mangels Getränken vollständig zu dehydrieren.

Gut, leicht übertrieben, aber die Tendenz stimmt.

Nun, so gesehen war es fast schon lebensrettend, die herausragend vorbereitete Carola dabei zu haben. Dank ihrer Spickzettel wußte ich, daß in Verden die nächste 24/7-Tanke wäre. Kilometer 217. Ja, das ist schon eine Ecke, aber die ersten hundert sind ja auch wie im Flug vergangen. Und dann sind ist ja auch schon bald Bergfest.

Manche Dinge lerne ich halt nie. 😉

Durchhalteparolen wurden aber ja ohnehin zeitig ausgeben. Schon kurz hinter Horst – dem mit der Mühle – erklärte Gerrit, ab Cuxhaven sei mit Rückenwind zu rechnen.

Hier kurz ein Eindruck davon, was es in den nächsten fünf Stunden so zu sehen gab:

Wobei es hier noch relativ viel zu sehen gab. Ich weiß gar nicht, was die Leute immer mit Brandenburg haben. Das nächtliche niedersächsische Outback steht ihm in nichts nach. Spärlichst beleuchtet, gefühlt vollständig entvölkert – die Rotte (sagt man so?) Wildschweine, die bei Bergen durch das Bild huscht, ist schon fast die einzige Abwechslung.

Tageslicht wäre toll. Bei der ersten Festive hatte mich die  Dämmerung noch überrascht, und auch im Rückblick war die für mich nur eine überlange Nachtfahrt, während der es kurz mal hell war. Heut ist es irgendwie anders. Ich sehne das Tageslicht frühzeitig herbei, weil ich hoffte es würde mich von mir selber ablenken. Die Zeit zwischen Unterlüß und Verden „nutze“ ich intensiv, um in mich reinzuhören. Auf der Habenseite stelle ich fest, dass Müdigkeit kein Problem zu sein scheint. Was mich ehrlich erstaunt, denn ich hatte einen zwar einen ausgefeilten Plan, was das Vorschlafen anging, der allerdings gründlich daneben ging.

Die Kopfschmerzen sollten später nachlassen; stattdessen meldete sich der untere Rücken. Immer häufiger stehe ich auf und strecke mich. Hmm. Neben den Nebengeräuschen eine weitere Parallele zu meiner ersten Fahrt nach Bremerhaven. 2014 war das … ok, der Schmerz vergeht, aber die Erinnerung daran nicht immer. Ich verfluche meinen Geiz, mir bislang kein Bikefitting gegönnt zu haben. Und meine Dummheit: die Ibus nicht eingepackt zu haben, die vor der Abreise noch auf dem Küchentresen lagen. Gerrit anzupumpen wage ich nicht, aber irgendwann reift der Plan, nach Tagesanbruch, bei Rückkehr in die Zivilisation, eine Apotheke anzusteuern. Nun, es kommt nicht dazu, aber es taugt als zusätzlicher Lichtschimmer am Ende des Tunnels.

Insgesamt ist die Erinnerung an die zweite Hälfte dieses Abschnittes ziemlich verschwommen. Es ist dunkel, es tut weh, die Uhr steht.

Dann das Ortsschild! Verden. Und hier schließt sich auch endlich der Spannungsbogen aus der Einleitung. Ich kann mein Glück kaum fassen; Frank fragt mich, warum ich mich so freue. Pause, Digga! „Na, wenn hier mal was auf hat“ sagt er. Ja, Frank versteht es, einen zu motivieren.

OK, Nachtschalter ist ja irgendwie nicht so richtig auf. Aber nebenan ist gleich ein McDonalds. Mir war zwischendurch eh etwas übel, weshalb ich beschlossen habe, erstmal weniger Kaffee zu trinken. Aber eine Cola und ein paar Fritten scheinen mir gerade perfekt. Und, naja, sitzen.

Als es dann weitergehen soll verheißen Carolas Spickzettel erneut nichts gutes. Nächster Stop Bremerhaven, Kilometer 340. Ich halte mich mit dem Gedanken über Wasser, in Bremen aussteigen zu können. Wie ich vorher zu Kati sagte: ich fahr mindestens bis Bremen und hab dann Ausstiegsoptionen in Bremerhaven, Cuxhaven, Stade. Aber auch hier muss ich noch an meiner Aussenwirkung feilen. Glaubhaft machen, dass legnern eine ernsthafte Option ist, konnte ich jedenfalls nicht.

Wohlan, das landschaftlich wohl reizloseste Stück der Strecke, von Achim aus nach Bremen rein, hatte Frank mir ja schon an Nikolaus gezeigt. Noch vor dem weihnachtlich ohnehin spärlichen Berufsverkehr war es allerdings gar nicht so schlimm. Den Ausstieg in Bremen verpasse ich dann auch und vertröste meinen inneren Schweinehund auf Bremerhaven. Wär ja auch ne blöde Zeit. Ich erinnere nicht, wie spät es war… aber mehrere Stunden alleine in Bremen auf den ersten Metronom zu warten hatte ich keine Lust. Außerdem war ich in Bremen endlich wieder abgelenkt. Der Zick-Zack-Kurs erfordert einiges an Aufmerksamkeit.

Danach indes zieht es sich wieder ein bißchen. Direkt an der Weser ist es sicherlich hübsch, aber immer noch dunkel. Es wird erst langsam Tag. Dieses Bild entsteht in Bremerhaven um sieben Uhr morgens:

Naja, und spiegelt ganz gut die Stimmung wieder. Auf dem Weg nach Bremerhaven sieht Gerrit sich genötigt, Durchhalteparolen zu verteilen: das Licht da vorne, das wäre schon das Klimahaus. Carola fragt, ob es da was zu essen gäbe. Ich versuche verzweifelt, die Entfernung abzuschätzen.. ein Mißverständnis, so oder so. Nur eine Sehenswürdigkeit, kein mögliches Etappenziel. Bis Kilometer 340 müssen wir durchhalten.

Bremerhaven: Endlich standesgemäß in einer Tanke füllen wir unsere Trinkflaschen und notdürftig die Energiespeicher. Kurz denke ich drüber nach, wie lang die EVB von Bremerhaven wohl nach Buxtehude braucht. Ewig, denke ich ich. Auch wenn ich mich mit den Schilderungen meiner Befindlichkeiten zwischen Bremen und Bremerhaven noch arg zurückgehalten habe – ich strecke mich jetzt immer öfter, auch die Schultern und der Nacken werden spürbar – ist aussteigen keine Option. Ich setze Cuxhaven als nächstes Ziel und will auch eigentlich nur weg. Bis Cuxhaven sind es ja nur 50 Kilometer und irgendwie mag ich Bremerhaven nicht. Sicherlich tue ich dieser vermutlich schönen Stadt damit Unrecht, aber ich erinnere vor allem den Gestank. Liegt bestimmt nur an unserer Streckenwahl – aber ich will hier tatsächlich einfach nur weg.

Auf dem Weg nach Cuxhaven wird es dann allmählich hell. Ich bin enttäuscht. Es ist diesig und man sieht kaum mehr als in der Dunkelheit. Dies ist also das Tageslicht, von dem immer alle sprechen, denke ich mehrfach. Es gibt noch ein Aha-Erlebnis: die Heidelandschaft, wenn man „von hinten“ nach Cuxhaven einfährt. Eine weitere Erinnerung an den Gran Fondo im April 2014. Und ein weiteres Mal denke ich, wie ähnlich die Befindlichkeiten doch sind.

Ach so, der Metronom ist keine Option mehr. Frank sagte was von Berufsverkehr und ich bin dazu übergegangen, zu denken, dass ich meine Mitstreiter gegebenenfalls eben alleine ziehen lassen würde. Allerdings kannte ich mich – und meine Freunde – hier schon gut genug um zu wissen, dass die Variante wirklich nur noch theoretischer Natur war und allenfalls dazu gedacht wurde, den inneren Schweinehund auszutricksen. SMS nach Hause, daß ich durchziehe. „Wußte ich doch“ Ach Schatz. Jetzt fällt mir auf: wieso ist sie eigentlich die ganze Zeit responsitive? Müsste sie nicht mal schlafen?

Gut, also weiß Kati, daß sie mich nicht vom Bahnhof abholen muss. Fischbrötchen in Cuxhaven und dann ohne Rückenwind weiter. Ich rolle mit den Augen – leider zu leise, als es hieß, jetzt fahren wir durch. 130 Kilometer noch – na, mal sehen.

So folgt nun also die „Mutter aller Touren“ (Frank) zum Abschluss der „Mutter aller Challenges“ (CC W). Hier erzählt jeder Kilometer eine Geschichte. Da, als wir durch den Spielmannszug fuhren, dort der Abschnitt, auf dem wir alle 50m unsere Räder über ein Schafgatter hievten. Es wird kurzweiliger. Die Opas erzählen vom Krieg.

Erleichtert stelle ich dann fest, dass die letzten 130 Kilometer am Stück – in diesem Zustand – nicht nur mir zu viel gewesen wären. Dankbar stimme ich dem Vorschlag zu, in Drochtersen nochmal beim Bäcker einzukehren.  Einfach noch mal ein bißchen sitzen.

Die letzten Kilometer verlaufen unspektakulär. Wir passieren jetzt Ecken, die ich auch mit der Familie unter die Räder nehme, die Kirche, in der wir im Sommer getraut wurden… fast zuhause. Hausstrecke. Entsprechend auch meine letzten Psychotricks: noch eine Zwei-Punkte-Runde … noch einmal zur Arbeit und zurück … noch ein Halbmarathon (ich war mal Läufer) … und am Ende stehen wir an der Alten Harburger Elbbrücke und verabschieden uns voneinander.

Wie schließe ich? Diese Festive musste ich etwas sacken lassen, und es hat ziemlich genau dreißig Stunden gedauert, bis ich mich entschlossen habe, „sowas“ wieder zu machen. Ja, es hat weh getan. Aber ich fühl mich auch unsagbar lebendig, wenn ich so etwas mache. Vor einem Jahr konnte ich um die Zeit gerade wieder die ersten Meter draußen fahren, und erst seit April arbeite ich wieder; ich kann unendlich dankbar sein, daß ich überhaupt schon wieder so weit fahren kann. Etwas weiter gedacht: dass ich überhaupt fshten kann, dass ich lebe. Und es ist meine feste Überzeugung, dass die Liebe zum Radfahren ein wichtiger Bestandteil war, mich (so schnell) wieder ins Leben zurückzuholen. Mir ist wichtig, dies nochmal zu erwähnen, wenn mein Bericht auch sonst ein bisschen sehr die Leiden betont.

Danke für’s Mitnehmen, Frank, Gerrit, Carola. Nächstes Mal bin ich gern wieder dabei. Glaubt mir nicht, wenn ich vom Aussteigen fasel.

Danke für die Unterstützung, Kati: du hast tatsächlich mehr an mich geglaubt, als ich selber.

Danke für’s Lesen.

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